Rolli`s Mountain


Es war eine dieser Nächte, in der man durch den Mond den Eindruck hat, dass alles in diesem unwirklichen Licht erstrahlt.

Ganz langsam lief die schlanke Frau die breite Einfahrt entlang, rechts und links standen hohe Bäume welche auch in der Nacht den Weg zum Haus abzeichneten.

Wer sie beobachtet, hätte feststellen können, dass ihre Schritte zögerlich fast stockend wurden, je näher sie dem Herrenhaus kam.

Jetzt fiel das Mondlicht auf den alten Backsteinbau und enthüllte eines jener wunderschönen Landhäuser, schon fast ein Schloss, dass da den Jahren standgehalten hatte.

Das Eingangsportal war ein Rundtor aus alter Eiche mit schweren Beschlägen, rechts und links vom Tor schlang sich eine Weinsorte bis zum Giebel in die Höhe.

Ganz langsam stieg sie nun die letzten Stufen zum Tor hinauf und stand einen Moment bewegungslos da.

Gerade als sie anklpfen wollte, öffnete sich das Tor und eine dunkelhaarige Dame schaute ihr gerade in die Augen.

"Sie sind spät, ihre Lordschaft erwartet Sie bereits", ohne eine Antwort abzuwarten ging die Dame voran in die Halle.

Mit einer leichten Bewegung des Kopfes nach rechts, zeigte sie ihr an, dass sie da Ihren Koffer abstellen könne.

"Wenn Sie mir bitte folgen würden", mit diesen Worten ging die Hausdame wiederum voran in Richtung einer edel geschnitzten Tür. Ganz leise öffnete sie die Tür und bat den Gast einzutreten.

Man sah einen Schatten gegen das Feuer des Kamins auf dem Ohrensessel sitzen.

"Euer Lordschaft, der Besuch ist jetzt da".

"Sie möge zu mir kommen und Livingston, Sie können gehen", mit diesen Worten wurde die Dame, die sich ja nicht vorgestellt hatte, aber wohl Livingston hiess, entlassen.

"und du kommst mal zu mir", dass konnte ja dann wohl nur dem jungen Gast gegolten haben.

Langsam ging sie auf den Ohrensessel zu, ihr Blick war starr auf die Gestalt im Dunkel gerichtet.

Als sie dicht am Kamin angekommen war, sah sie das Gesicht des alten Mannes, der jetzt wie erstarrt nur auf ihr Gesicht schaute.

"Komm ganz nah heran, ich sehe nicht mehr so gut wie früher, " nach einiger Zeit, ihr kam es wie eine Ewigkeit vor, sagte er, "du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten".

"Setz Dich zu mir und erzähle mir von ihr".

"Was möchten Sie denn wissen"? kam es ihr zögerlich über die Lippen.

Er atmete tief ein und sagte dann "du hast recht, es ist zu spät, aber morgen wirst du mir alles erzählen."

"Livingston wird dir noch etwas zu essen richten und dann kannst du dich hinlegen".

Sie hatte garnicht gehört wie Livingston hereinkam, nahm sie aber jetzt im Augenwinkel wahr.

Leise hauchte sie dem alten Mann ein "Gute Nacht" zu und folgte Livingston nach draussen.

Durch mehrere Gänge kamen sie dann zur Küche, es war ein hell erleuchteter grosser Raum mit allem was eine gute Küche ausmacht. Inmitten eines Sammelsurium von Pfannen und Töpfen stand eine rotbackige, etwas kräftige Frau, genauso wie man sich eine Köchin vorstellt.

"Mylady, dass ist Mrs. Gunnarson unsere Köchin," sagte Livingston in leisem Ton.

Die freundliche Köchin kam strahlend auf sie zu und sagte ", ich habe etwas Leichtes für Sie zubereitet nach der langen Fahrt". "Bitte nehmen Sie doch Platz, ich werde sofort auftragen".

Erst jetzt bemerkte sie wie müde und hungrig sie war. Mit Genuss aß sie die Suppe und den dazugereichten Toast mit lauter kleinen Delikatessen. Als sie fertig war, bedankte sie sich und folgte Livingston auf ihr Zimmer.

Ihr Zimmer, wie sich das anhörte, als würde sie sich je solch ein Zimmer leisten können. Das Zimmer, dass die Hausdame Livingston ihr zuwies, war so gross, wie das ganze Haus in dem sie bis heute zur Untermiete wohnte. Sofort kamen die Bilder von dem kleinen schäbigen Appartement zurück, welches sie mit ihrer Mutter bewohnt hatte. Dann schaute sie sich in dem vornehmen, zeitlos edel eingerichteten Zimmer um und ihr wurde bewusst, wie sich ihre Mutter nach dem Leben, welches Sie hier geführt hatte, fühlen musste. Da wurde ihr mit einmal klar, wie wenig sie über ihre Mutter und auch ihre eigene Abstammung wusste.

Das musste sich ändern, ab morgen wollte sie alles wissen über das Leben ihrer Mutter und auch über ihr eigenes.

Sie öffnete ihren Koffer und holte einen Pyjama heraus, welchen sie sofort anzog. Sie lag kaum in dem grossen Kingsize Bett, als sie auch schon einschlief, jetzt forderte die anstrengende Reise ihren Tribut. Sie schlief traumlos bis spät in den nächsten Morgen.

Als sie aufwachte, erschrak sie, dass es schon so spät war. Eiligst duschte sie und zog sich an.

In der grossen Halle traf sie Livingston und grüsste sie freundlich. Während Sie neben ihr durch die Halle ging, fragte sie "wie darf ich Sie nennen, denn einfach Livingston erscheint mir ungehörig". Die Hausdame sah sie mit einem langen unergründlichen Blick an und antwortete "wenn Sie möchten, mein Name ist Emily". Mit einem verschmitzten Lächeln sagte sie "gut, ich werde Sie Emily nennen, dass gefällt mir".

Zwischenzeitlich waren sie an einer grossen geöffneten Glastür angelangt, welche in den Park führte.

"Ihr Grossvater sitzt da vorne und erwartet Sie bereits, ich werde Ihnen Ihr Frühstück sofort servieren." Etwas ängstlich ging sie in den Park an die ihr geheissene Stelle, wo ihr Grossvater mit der Zeitung saß.

"Guten morgen, Sir, " sagte sie und schaute ihn mit grossen Augen an.

"Nannte man, da wo du herkommst, seinen Grossvater, Sir?"

"Nein, Sir, ich meine Grossvater, natürlich nicht". "Gut, dann hätten wir das geklärt, ich denke ich werde Dich Anabel nennen, wenn Dir das recht ist?"

"Wenn es Dir recht ist, Grossvater, würde Bell reichen, denn so hat mich meine Mom immer genannt". "Dann werde ich Dich Bell nennen, weisst Du, dass ich Deine Mom immer Tinkerbell nannte"?

"Nein, meine Mutter hat so gut wie nie von Ihrer Vergangenheit erzählt und da ich immer spürte, wenn sie etwas sagte, dass es ihr weh tat, habe ich auch nie gefragt".

"Aber ich hoffe, dass ich jetzt von Dir alles erfahre."

"Alles was ich weiss, werde ich Dir sehr gerne erzählen, denn ich will keinen Moment mit ihr vergessen". "Aber jetzt musst Du erst einmal frühstücken, sonst ist Mrs. Gunnarson sauer".

Nur zu gerne folgte sie dieser Aufforderung, da die ganzen leckeren Sachen sie richtig anlachten. Mit Genuss sprach sie dem Frühstück zu und ihrem Grossvater bereitete es sichtliches Vergrnügen, ihr dabei zuzuschauen.

Nach dem Frühstück hatte ihr Grossvater noch einige Telefonate zu führen und sie machte sich auf den Weg durch den Park.

Es kam ihr manchmal vor, als wäre sie hier schon einmal gewesen, sie lief bis zur Grundstücksgrenze und kletterte über den Zaun. Sie lief einfach immer dem Weg nach ohne dass ihr bewusst wurde, dass sie bereits auf einem fremden Grundstück war. Es war alles so märchenhaft zugewachsen, direkt vor ihr war ein kleiner Wasserfall wie aus dem Nichts. Sie setzte sich auf einen Stein, und fing mit beiden händen das herabfallende Wasser auf, um sich das Gesicht etwas zu erfrischen. In diesem Moment hörte sie Hufgetrappel und weil sie sich auf fremdem Boden befand, versteckte sie sich aus Reflex gegenüber hinter einem Steinwall. Langsam kam das Pferd näher, jedoch konnte sie es nicht sehen, da ihr die Steine die Sicht versperrten. Als jedoch der Reiter das Pferd zu dem kleinen Wasserfall führte, konnte sie beide sehen.

Bei dem Pferd handelte es sich um einen pechschwarzen Wallach, sie hatte noch nie solch ein wunderschönes Pferd gesehen, den Reiter konnte sie nur von Hinten sehen, aber auch seine Kleidung war so schwarz wie sein Pferd.

Nachdem er das Pferd getränkt und sich selbst auch erfrischt hatte, saß er auf und verschwand so schnell wie er gekommen war.

Als sie aus ihrem Versteck kroch, kam es ihr lächerlich vor, dass sie sich überhaupt versteckt hatte. Aber was hätte sie denn sagen sollen, ich bin Ihre Nachbarin, sie kennen mich nicht, aber werden mich noch kennen lernen?

Sie nahm sich vor, wenn so etwas noch einmal vorkam, einfach stehen zu bleiben und sich vorzustellen und genau da lag das Problem, wie sollte sie sich vorstellen, auch das musste sie noch mit ihrem Grossvater abklären.

In diesem Moment wurde ihr auf einmal klar, dass es ihr Leben, wie sie es gewohnt war, nicht mehr gab.

Aber sie musste sich an das neue Leben gewöhnen, wenn sie mit ihrem Grossvater, welcher ihr einziger Verwandter ist, zusammen sein will und das wollte sie.

Also lief sie den selben Weg den sie gekommen war zurück und erreichte so das Herrenhaus von Manderville, wie der Besitz ihres Grossvaters hiess.

Als sie das Haus betrat, hörte sie laute Stimmen aus der Bibliothek. Sie wollte bestimmt nicht lauschen, aber die beiden Männer redeten so laut, dass man es nicht überhören konnte. Noch während sie so nachdachte flog die Tür auf und ein grosser grauhaariger Mann stürmte auf die Eingangtür zu, er war so in Eile, dass er sie total übersah.Er warf die Eingangstür hinter sich mit einem donnernden Knall zu und Anabel ging zu ihrem Grossvater und fragte ihn, nach dem Besucher. Ihr Grossvater antwortete nur, dass es ein Nachbar sei, der schon Jahrzehnte sein Haus und jeglichen Besitz der Mandervilles nicht mehr betreten hätte. Aber weshalb dass so sei, müsse er ihr ein andermal erklären, dass würde jetzt zu weit gehen. Anabel gab sich für den Moment damit zufrieden und als ihr Grossvater ein Bilderalbum ihrer Mutter aus dem Schrank holte, war der Vorfall fast vergessen. Sie blätterten bis zum Abendessen in den vergilbten Seiten und Anabel sah das erste Mal, weshalb ihr Grossvater sie so angestarrt hatte, sie war ihrer Mutter in jungen Jahren, wie aus dem Gesicht geschnitten, nein sie hätten Zwillinge sein können.

Nach dem Abendessen erzählte ihr der alte Mann vom Leben ihrer Mutter hier auf Manderville und von ihrer Unbändigkeit und wie wild sie war, Anabel hatte den Eindruck er erzähle ihr von sich und sie fühlte sich ihrer Mutter so nah als wäre sie noch da.

In dieser Nacht träumte sie von dem wilden Mädchen, dass durch die Wälder und über die Wiesen ritt und dem kein Zaun zu hoch und kein Pferd zu gross war, aber seltsamerweise träumte sie auch von einem schwarz gekleideten Mann auf einem schwarzen Pferd.

 

So vergingen die ersten Tage hier auf Manderville und Anabel erfuhr viel über das Leben und ihre Mutter und ihre ganze Familie. Unter den Bildern, waren auch wunderschöne Aufnahmen von Bällen und Festen und im Stillen wünschte Anabel , sie hätte damals dabei sein können.

Da sie dieser Gedanke nicht los lies, fragte sie am Abend ihren Grossvater nach diesen Festen. Er schaute sie lange an und dann sagte er, ob sie denn zu Ihrer Ankunft auch gerne solch einen Ball hätte. Mit Überschwang nahm sie den alten Mann in den Arm und küsste ihn, die feuchten Augen des Grossvaters sah sie vor lauter Freude nicht.

Er meinte es wäre auch eine sehr gute Gelegenheit, dass sie lerne wie ein solches Fest arrangiert werden müsse.

Emily kümmerte sich um das ganze drumherum, Mrs. Gunnarson war für die Speisen zuständig, Grossvater für die Getränke, sie für die Musik und die Einladungen.

Ein Kostümfest sollte es werden, da war sich Anabel schon klar darüber, ein Kostümfest, dass die ganze Gegend so noch nicht erlebt hatte.

Tage lang suchte Anabel nach Musikern, Gauklern, Feuerkünstlern und Akrobaten, auch ein Feuerwerk sollte es geben , wann immer sie ihren Grossvater fragte, ob das ginge, meinte er nur, er verliesse sich da ganz auf sie.

So plante sie ihr erstes ganz grosse Fest, bei einer Schneiderin am Ort hatte sie ein wunderschönes Kleid in Auftrag gegeben, sie sah wie eine Prinzessin aus.

 

Es waren nur noch wenige Tage bis zum Ball, alles war arrangiert, die Einladungen, welche sie aus einer alten Gästeliste hatte, waren auch lange verschickt und ihre Aufregung wuchs.

Würde sie in der feinen Gesellschaft bestehen können oder würden sie hinter ihrem Rücken tuscheln..........nein sie wird den Ball meistern, sie wird ganz Dame sein und ihr Grossvater wird unendlich stolz auf sie sein.

 

So kam der Tag des Fests, alle hatten ihre Plätze und alles lief wie am Schnürchen. Nach und nach fuhren immer mehr Autos vor und aus dem unteren Stock hallten Stimmen und Musik.

Anabel hatte ihr Kleid an und den Hut auf, sie sah bildschön aus, als sie aus dem Zimmer trat, hätte Emily Livingston fast das Gleichgewicht verloren und wäre nach hinten auf die Treppe gefallen.

"Sehe ich nicht angemessen aus, " fragte Anabel die Hausdame, die als sie sich gefangen hatte nur sagte, "sie sind genauso bildschön wie Ihre Mutter".

Eben hörte sie unten ihren Grossvater sagen, dass er dem Herrn danke, dass er ihm das Leben in Gestalt seiner Enkelin zurückgegeben habe.

Er fordere jetzt alle Anwesenden auf mit ihm seine Enkelin Anabel Manderville zu begrüssen.

Anabel Manderville, diesen Namen hörte sie nun zum ersten Mal und es war als hätte sie ihn schon immer getragen.

Mit diesem Gedanken schritt sie die grosse Freitreppe hinunter in den Ballsaal, wo alle auf sie warteten und ihr applaudierten.

 

Ihr Grossvater sagte zu ihr, dass er im ersten Moment dachte ihre Mutter käme die Treppe herunter.

Die Nachbarn, Freunde und Bekannte empfingen sie mehr als herzlich und sie fühlte sich vom ersten Moment sehr wohl, es war alles wie es sein sollte. Die Musik spielte leise im Hintergrund und die Gäste fühlten sich sichtlich wohl.

Auf einmal wurde es sehr still im Raum und es hatte sich eine Gasse gebildet. Direkt an der Tür stand ein sehr grosser dunkelhaariger Mann in einem schwarzen Umhang mit einer Porzellanmaske und Anabel musste unwillkürlich an das Phantom der Oper denken.

Noch während sie diesen Gedanken zu Ende dachte, hörte sie ihren Grossvater sagen, der Mann mit der Maske sei nicht eingeladen. Darauf sagte der," Ihre Enkelin hat mich eingeladen", darauf antwortete ihr Grossvater, wenn das so sei, dann wäre er herzlich willkommen.

Bevor Anabel ihren Grossvater etwas fragen konnte, wurde sie von dem Phantom zum Tanz aufgefordert.

Er war ein sehr guter Tänzer und Anabel fühlte sich sehr wohl in seiner Nähe. Während des Tanzes fragte sie ihn nach seinem Namen und er antwortete, heute trägt keiner seinen eigenen Namen.

 

Mit einem Lachen musste sie ihm recht geben, sie war heute die grosse Dame, er ein Phantom und der Bürgermeister des Ortes ein kleiner untersetzter Mann war heute Nacht Napoleon und wenn man  seine Frau in diesem grünen Kleid sah, müsse sie wohl die Insel Elba sein, bei diesem Gedanken musste sie lachen und er fragte sie, was denn so komisch wäre und sie erzählte ihm von den beiden.

Das erste Mal hörte sie sein dunkles tiefes Lachen und es gefiel ihr, sie wollte mehr über ihn wissen.

Er wich jedoch geschickt und stets höflich ihren Fragen aus und vermochte sie sofort in ein anderes Gespräch zu verwickeln.

Sie merkte garnicht wie die Zeit verging und dass sie fast ausschliesslich mit ihm getanzt und gesprochen habe, aber es fühlte sich so richtig und normal an.

Der ganze Abend verging wie im Flug und eh sie sich versah ging man nach draussen um das Feuerwerk zu sehen.

Es war wie der ganze Abend, ein voller Erfolg, die Gäste kamen nicht mehr aus dem Staunen und sie hatte gerade auf eine besonders farbenfrohe Blüte hingewiesen, als sie zur Seite blickte und sah, dass er nicht da war.

Vielleicht ist er ins Haus gegangen und kommt gleich wieder, aber er kam nicht, so wie er gekommen ist, verschwand er wieder.....wie ein Phantom.

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